Bahnhof Lüneburg bei Nacht

Als ich meine eigene Freundin nicht vom Bahnhof abholen wollte

Und was ich aus diesem Fehler lernte.

Es ist ziemlich einfach von anderen Männern einzufordern, wie sie sich gegenüber Frauen auf dem Weg nach Hause verhalten sollen. Sich einzugestehen, dass man das selbst nicht immer getan und die Gründe dafür ignoriert hat, ist unangenehm. Umso wichtiger ist es, aus eigenen Fehlern zu lernen. Hier kommt eine Selbsterkenntnis.

Es war zu Beginn unserer Beziehung, als meine Freundin mich spät abends anrief und bat, sie vom Bahnhof abzuholen. Sie war in Hamburg unterwegs gewesen und im Zug auf dem Weg zurück nach Lüneburg, wo wir wohnen.

Ich war müde, gefühlt schon halb im Bett und hatte schlicht gesagt weder Lust noch einmal loszulaufen, noch sah ich die Notwendigkeit dafür. Und dass, obwohl es nur fünf Minuten zu Fuß von meiner Wohnung zum Bahnhof waren. Aber dieser Gedanke funktionierte in meinem Kopf genau umgekehrt: Was sollte in diesen fünf Minuten schon passieren? Warum dieser Aufwand? Bis ich meine Schuhe angezogen hätte, wäre sie doch schon hier. Den Weg von Hamburg bis nach Lüneburg hatte sie ja auch alleine geschafft. Und eine Großstadt ist sowieso gefährlicher als unsere kleine Stadt – dachte ich.

„Auch aus eigener Erfahrung hätte ich es besser wissen müssen“

Wie sehr ich daneben lag, zeigt die Kriminalitätsstatistik von Lüneburg. Die Anzahl der Sexualdelikte stieg in den letzten Jahren an. 2020 wurden 1710 Fälle und ein Anstieg von 30 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gemeldet. Gerade erst im Januar vergewaltigte ein Mann in einem Wohngebiet in der Nähe von Lüneburg eine Joggerin. Das lässt diese kleine Stadt mit seinen rund 73.000 Einwohner:innen schon deutlich weniger beschaulich wirken.

Aber auch aus eigener Erfahrung hätte ich es besser wissen müssen. Mit 14 wurde ich auf dem Rückweg von meinem Schülerjob abgezogen. Drei Jungs hielten mich an, bedrohten mich mit einem Messer und nahmen mir das gerade verdiente Geld ab, dass immer direkt in bar ausgezahlt wurde.

Auch wenn mir körperlich nichts passiert ist, achte ich bis heute im Dunkeln mit ungutem Gefühl darauf, ob mir jemand folgt. Übrigens, von der U-Bahn Haltestelle bis zu meinem Elternhaus waren es damals auch nur fünf Minuten.

Aber all diese Gedanken hatte ich damals nicht im Kopf und nachdem meine Freundin am Telefon berechtigterweise sauer wurde, holte ich sie ab. Nicht, weil ich ihre Situation verstand, sondern weil ich einen weiteren Streit vermeiden wollte.

„Ich habe einen anderen Alltag als Frauen“

Bleibt also die Frage: Warum konnte ich ihre Bitte nicht nachvollziehen? Wieso konnte ich ihre Angst oder Bedenken alleine nach Hause zu gehen nicht verstehen? Die Wahrheit ist: Meine Erfahrung als Jugendlicher war eine Ausnahme, für Frauen sind solche Situationen leider Normalität. Als Mann lebe ich aufgrund meines Geschlechts praktisch in einer anderen Realität, ich habe einen anderen Alltag als Frauen. Ich weiß ganz einfach nicht, wie es sich anfühlt, ständig von Männern auf der Straße angemacht zu werden, begleitet von Angst nach Hause zu gehen, ein Telefonat vorzutäuschen oder den Schlüssel zur Verteidigung in die Hand zu nehmen.

Diese Story zeigt, wie rücksichtslos Männer sich verhalten. In ihren Highlights erzählt sie noch mehr zu der Situation. 

Natürlich sind nicht alle Männer auf der Straße eine Bedrohung. Es gibt viele, die einfach nur nach Hause gehen. Darum geht es aber nicht. Es geht darum, dass Frauen nicht wissen können, welche Männer gefährlich sind und welche nicht. Und deswegen müssen wir als Männer unser Verhalten ändern. Dazu gehört eben auch, die eigene Freundin oder jede andere Frau ganz selbstverständlich zu unterstützen, wenn sie dich um Hilfe bittet und zu erkennen, warum sie Angst hat und dass diese Angst berechtigt ist.

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Titelbild: Bahnhof Lüneburg bei Nacht, Norian Schneider

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