Ein Mann sieht geradeaus in die Kamera.

„Das Schweigen macht was“ – ein Trauerbegleiter über trauernde Männer

„Männer trauern anders“ schreibt Thomas Achenbach in seinem Buch. Wir wollten wissen warum und was genau die Unterschiede sind.

Er schweigt, sie redet – das ist das Klischee. Ein Klischee, dem Thomas Achenbach in seiner Arbeit häufig begegnet. Der Trauerbegleiter aus Osnabrück unterstützt regelmäßig Männer und Frauen, die versuchen, mit ihrer Trauer klarzukommen.

Über dieses Klischee und vor allem über die Unterschiede zwischen trauernden Männern und Frauen hat Achenbach 2019 ein Buch geschrieben. In „Männer trauern anders“ erklärt er, wie Männern mit Trauer umgehen und zeigt, dass wir uns als Gesellschaft zu wenig um sie kümmern. Denn während Trauergruppen laut Achenbach hauptsächlich von Frauen besucht werden, versuchen Männern schweigend mit ihren Problemen klarzukommen.

Wie kommt das? Und wie, wenn nicht übers Reden, verarbeiten Männer ihre Trauer? Darüber haben wir mit dem Trauerbegleiter selbst gesprochen.

UWE: Sie beschreiben in Ihrem Buch, dass Männer sich gut während des Autofahrens oder Spazierengehens öffnen. Ich kenne das selber aus meinem Freundeskreis. Wie kommt das?

Achenbach: Das liegt daran, dass man in solchen Situationen nicht unbedingt reden muss. Während des Nebeneinander-Seins beim Spaziergang oder auch im Auto guckt man in der Gegend rum und ist abgelenkt. Da wird das Schweigen nicht als so erdrückend erlebt.

UWE: Das heißt, die meisten Männer öffnen sich paradoxerweise durch oder beim Schweigen?

Achenbach: Das Schweigen macht was. Der Paartherapeut Henning Matthaei hat mal sinngemäß gesagt: Oft werde behauptet, Männer hätten gar keine Gefühle, aber das stimme nicht. Vielmehr seien die Gefühle so stark, dass sie Angst hätten, darauf zu gucken. Ich glaube, dieses Schweigen ist schon ein leichtes Spüren dieser Gefühle und die Ehrfurcht vor dem, was da sein kann.

„Es musste erst mal dieses soziale Spiel gespielt werden“

UWE: Wenn Männer sich im Auto öffnen, wie öffnen sich Frauen, während sie trauern?

Achenbach: Frauen können generell besser über ihre Gefühle reden. Ich begleitete mal unabhängig voneinander eine Frau und einen Mann im selben Alter. Sie weinte in der Regel 60 Minuten lang, redete mit mir und sagte dann: Das hat jetzt aber gutgetan. Er hingegen brauchte das, was ich sozialen Schmierstoff nenne.

UWE: Sozialen Schmierstoff?  

Achenbach: Wenn er durch die Tür kam, fragte ich: „Wie gehts?“, und er sagte: „Gut“. Das war natürlich Quatsch, sonst wäre er ja nicht bei mir. Aber es musste erst mal dieses soziale Spiel gespielt werden und es dauerte, bis wir irgendwann mal tatsächlich beim Thema Trauer waren. Anfangs machte mich das immer nervös. Aber irgendwann begriff ich, dass wir erst mal diesen sozialen Schmierstoff auf das Ganze schmieren müssen und uns so den Gefühlen des Mannes nähern können.

UWE: Männer brauchen also einen klaren Rahmen, in dem sie sich bewegen bzw. öffnen können?

Achenbach: Die Männer, die sich mir gegenüber öffneten, haben das gebraucht, ja. Es kommt auch wirklich sehr stark drauf an, ob die Umstände passen und ob das Umfeld als sicher erlebt wird. Und Männern fällt es oft schwer, sich auszudrücken. Da muss man auf die Wortwahl achten. Sie sagen eher: „Ich stehe gerade unter Druck“, anstatt, „Ich fühl mich gerade traurig oder bin gerade depressiv.“

UWE: Das würde dann ja auch bedeuten, dass Frauen sich schneller öffnen und über ihre Gefühle reden. Können sie dadurch auch besser mit ihrer Trauer umgehen?

Achenbach: Frauen können besser mit der Ohnmacht innerhalb der Trauer umgehen. Also mit der Hilflosigkeit, teilweise auch dem Gefühl, dass man zu Boden gedrückt wird. So, als würde eine Walze über einen rollen. Das kann damit zu tun haben, dass Frauen Geburten aushalten müssen und dann in einer sehr ohnmächtigen Situation sind. Sie müssen sich in dem Moment zugestehen, dass sie hilflos sind. Mit diesem Zustand haben wir auch im Trauerprozess immer zu tun und das ist etwas, was Männern sehr schwerfällt zu akzeptieren, weil sie es eben nicht kennen.

Ein Mann reibt sich eine Träne aus dem Auge.
Foto: Unsplash/Tom Pumford

„Was uns fehlt, sind Vorbilder für trauernde Männer.“

UWE: Schweigen gegen die Ohnmacht, klare Rahmenbedingungen – warum landen wir beim Thema Trauer immer beim Klischee des schweigenden Mannes, der sich mit seinen Gefühlen so schwer tut?

Achenbach: Vielleicht, weil es in uns drin ist. Es gibt eine These, die versucht, dieses Phänomen des schweigenden Mannes zu erklären: Früher hockten Frauen in der Höhle zusammen, passten auf die Kinder auf, waren im Austausch untereinander, während Männer draußen schweigend auf der Jagd waren. Mir ist das fast ein bisschen zu simpel konstruiert. Aber ich mag die grundsätzliche Idee, dass das Schweigen vielleicht einfach in uns Männern ist. Dass wir es nicht verlernt haben, sondern dass es vielleicht auch einfach männlich ist, nicht sofort auf die Gefühle zu gucken.

UWE: Gibt es auch Männer, die anders mit Trauer umgehen, als zu schweigen?

Achenbach: Natürlich. Aber mir fällt kein prominentes Beispiel ein. Oft zeigen Männer nur beim Fußball Gefühle in der Öffentlichkeit. Da ist es interessanterweise auch gesellschaftlich akzeptiert, wenn Männer nach einem Spiel heulend über den Platz rennen.

UWE: Aber ein weinender Ronaldo ist ja kein Vorbild für einen Umgang mit Trauer.

Achenbach: Das stimmt. Was uns fehlt, sind Vorbilder für trauernde Männer. Gerade im medialen Bereich. Da haben wir es oft noch mit dem knallharten Mann zu tun, der das alles irgendwie wegschlucken kann und einfach weitermacht.

Du suchst Hilfe in deiner Trauer? Oder brauchst du jemanden, mit dem du über deinen Verlust sprechen kannst? Auf der Seite des Bundesverband Trauerbegleitung e.V. findest du eine Übersicht über unterschiedliche Trauerbegleiter und Trauerbegleiterinnen. Der Malteser Hilfdienst e.V. bietet außerdem ein Trauer-Telefon und eine Trauerbegleitung online an.

UWE: In Ihrem Buch schreiben Sie auch, dass jedes Fass mal überläuft und die Trauer irgendwann raus muss. Wie lösen Männer also tatsächlich ihre Trauer, wenn sie an diesem Punkt sind? 

Achenbach: Die meisten immer noch schweigend. Ich finde, das Bild eines Fasses passt da ganz wunderbar. Denn meistens läuft ja nur ein kleines Rinnsal an der Seite des Fasses raus und das passt zur Gefühlswelt vieler Männer. Der Umgang mit ihren Gefühlen geschieht eben nicht mit Wucht, sondern langsam und mit kleinen Schritten bzw. Tropfen. Bei einem Vortrag begegnete mir mal eine Frau, die erzählte, dass ihr Mann vier Jahre lang nichts zu dem Tod des gemeinsamen Kindes sagen konnte. Sie warf ihm vor, dass er sich nicht mit dem Thema beschäftigen würde und hätte sich fast getrennt. Das ist ein Vorwurf, der oft von Frauen im Raum steht: Der macht das gar nicht richtig oder der trauert ja gar nicht richtig.

„Bei Männern brauchen wir ein doppeltes Verständnis.“

UWE: Weil sie diesen Weg des Schweigens nicht nachvollziehen können?

Achenbach: Genau. Aber hier ist nicht die Frage, wie ein Mann sich öffnet, sondern wo und wann. Und diesen individuellen Umgang mit seinen Gefühlen müssen wir als Gesellschaft akzeptieren.

UWE: Warum fällt es vielen Menschen so schwer, in diesem schweigenden Mann auch einen trauernden Mann zu sehen?

Achenbach: Weil wir als Gesellschaft das Thema Trauer nach wie vor nicht so richtig verstehen. Trauer kann man meiner Meinung nach erst verstehen, wenn man selber dort gewesen ist. Ohne diese Erfahrung ist es schwer, sich dem Thema zu nähern. Und bei Männern brauchen wir ein doppeltes Verständnis. Wir müssen verstehen, wie Trauer funktioniert und akzeptieren, wie die meisten Männer damit umgehen. Das potenziert sich und hinzukommt außerdem noch: Trauer entwickelt sich immer individuell. Es gibt nicht die eine Trauer, genauso wenig, wie es den einen Mann gibt.

Zur Person 

Thomas Achenbach, Jahrgang 1975,  ist Trauerbegleiter und Redakteur bei der Neuen Osnabrücker Zeitung. Er leitet regelmäßig Trauergruppen und bietet Einzelbegleitungen an. Zu seinen Spezialgebieten zählen Männertrauer und Trauer am Arbeitsplatz. 2019 ist sein Buch „Männer trauern anders“ im Patmos Verlag erschienen.

Mehr Informationen über seine Arbeit findest du auf seinem Blog Trauer ist Leben und auf www.thomasachenbach.de.

Portrait von Thomas Achenbach im Wald.

Foto: Stefanie Hiekmann

Fragen, Ideen oder Anmerkungen? Dann schreib uns!

Wir freuen uns über Feedback und Ideen für Beiträge unter kritik@uwe-magazin.de

2 Idee über “„Das Schweigen macht was“ – ein Trauerbegleiter über trauernde Männer

  1. Stella Reichmann sagt:

    Dieses Wissen über die männliche Trauer ist ein GROßES Thema. Ich selbst habe als kreative Trauer-Begleiterin eher mit Frauen und Kindern zu tun. Von meinen über 1000 Followern auf Instagram bei @kinder.trauern.bunter sind unter 10 Männer oder Väter dabei. Und das nicht, weil sie weniger trauern, sondern es nur nicht offen kommunizieren. Ich habe über das Thema Kindliche Trauer auch ein Buch geschrieben, für das ich zum Glück zwei Männer als Interviewpartner gewinnen konnte. Mit herzlichen Grüßen, Stella Reichmann (2. Webseite: http://www.kinder-trauern-bunter.de )

    • Uwe Magazin sagt:

      Hallo Stella,
      oft wird gesellschaftlich suggeriert, Männer müssten die starke Schulter für Frauen und die Familien sein. Insofern braucht es mehr Trauerangebote von Männern für Männer. So wie Sie ihre Angebote ja auch an direkt Frauen und Kinder richten. Vielleicht ist es gerade für viele Männer – die oft nicht gelernt haben Trauer auszudrücken – dann leichter in einem geschützten Raum den Umgang mit Trauer zu lernen. Und diese eben auch nicht als Schwäche zu verstehen oder diese Schwäche als etwas normales anzunehmen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.